Nachtgedanken

Autor: Heinrich Heine

Nachtgedanken entstand 1843 und erschien 1844 als Schlussgedicht des Zyklus Zeitgedichte in Heines Neuen Gedichten. Das Gedicht führt von einer Pariser Nacht nach Deutschland, zur Mutter und schließlich wieder zurück ans Fenster. Die Anmerkungen folgen diesem Weg und verweilen bei einigen der Wiederholungen und Gegensätze.

Schlaflos

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Thränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Der berühmte Anfang klingt wie eine Aussage über Deutschland. Gleich danach wird es privat: Schlaflosigkeit, Tränen, die lange Trennung von der Mutter. Das Land erscheint hier nicht als politische Losung, sondern als der Ort, an dem sie lebt.

Die alte Frau

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh’ ich wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre floßen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht an’s Herz geschlossen.

Die Entfernung wird an einem kleinen Detail greifbar: der zitternden Hand in einem Brief. Gerade weil Heine die Mutter immer wieder nur „die alte Frau“ nennt, wirkt die Zärtlichkeit umso stärker – ganz ohne feierliche Worte.

Was bleibt, was vergeht

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden,
Werd’ ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt’ ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär’;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

Seit ich das Land verlassen hab’,
So viele sanken dort in’s Grab,
Die ich geliebt – wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Das Land, sagt Heine, werde bleiben. Der nächste Gedanke verschiebt alles: Die Mutter kann sterben. Eichen und Linden versprechen Wiederkehr; Menschen nicht.

Ein Morgen in Paris

Und zählen muß ich – Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual,
Mir ist als wälzten sich die Leichen
Auf meine Brust – Gottlob! sie weichen!

Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heit’res Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

Das Ende löst die Sorge nicht auf. Es setzt ihr nur etwas Gegenwärtiges entgegen: französisches Tageslicht, die Frau am Fenster, ein Lächeln. Die letzten Verse sind leichter als die vorangegangenen, ohne die Sorge wirklich zu zerstreuen.

Quellen und Hinweise

Textgrundlage: Heinrich Heine, Neue Gedichte, Hoffmann und Campe, Hamburg 1844, S. 274–276. Ein Scan der Erstausgabe und eine Transkription des Gedichts sind bei Wikisource zu finden.

Der Text Heines ist gemeinfrei. Die Anmerkungen betrachten einige Stellen genauer und sollen Anstöße für die eigene Lektüre geben.